Karl Josef Wirges, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz und zugleich Präsident der HWK Rheinhessen, hat die Bundesregierung davor gewarnt, den beginnenden Aufschwung „kaputt zu sparen“. Beim traditionellen Handwerksabend der vier Handwerkskammern des Landes betonte er, dass zwar die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte das Gebot der Stunde sei, dies jedoch nicht dazu führen dürfe, dass zukunftsorientierte Investitionen dem Sparzwang zum Opfern fielen. Als Beispiel führte er hierzu die Entscheidungen im Bereich energieeffizientes Bauen und Sanieren an. Statt an dieser Stelle auf die Förderbremse zu treten, sollten besser die Konsumausgaben der öffentlichen Hand, und hier vor allem der hohe Personalstand in den Verwaltungen, auf den Prüfstand gestellt werden. Gleichzeitig erneuerte Wirges seine Forderung „Hände weg von einer Erhöhung der Steuern und Sozialversicherungsabgaben“.
Verbraucher und Unternehmen seien genug belastet, die Eigenkapitaldecke vieler Handwerksbetriebe äußerst dünn. Um die Besserung der Wirtschaftslage voll nutzen zu können, müssten zahlreiche Handwerksunternehmen aber investieren, was ihnen aufgrund einer restriktiven Kreditvergabe, weiter verschärft durch die Finanzkrise, häufig erschwert werde, so Wirges. Er verwies deshalb auf das Bürgschaftsprogramm der Kreditgarantiegemeinschaft des rheinland-pfälzischen Handwerks (KGG), die vom kommenden Jahr an durch die Neuordnung des Bürgschaftswesens in Rheinland-Pfalz auf eine noch breitere Basis gestellt werden solle. Danach sollen die KGG Handwerk und die beiden Sonderhaftungsfonds, die Bürgschaften für die übrige Wirtschaft bereitstellen, zu einer einzigen Bürgschaftsbank zusammengeführt werden. Allerdings, so Wirges, müssten die Gründungskosten für diese neue Institution in einem Rahmen bleiben, der deutlich unter den bisher angesetzten 100.000 Euro bleibe.
Um Geld gehe es auch zunehmend im Bereich Energieeffizienz und Umweltschutz. Die Handwerksbetriebe hätten sich auf die neuen Herausforderungen eingestellt und erheblich in die Weiterbildung investiert, um den Anforderungen gerecht zu werden. Umso unverständlicher sei es, dass Bundesregierung und KfW hier nun über eine kurzfristige Änderung der Fördermodalitäten den Unternehmen die Planungssicherheit entzogen hätten. Wenn sich die Förderkulisse, gerechtfertigt oder nicht, ändere, so müsse dies rechtzeitig kommuniziert werden, damit den Unternehmen und ihren Kunden ausreichend Zeit bleibe, sich auf die geänderten Verhältnisse einzustellen. In dieser Angelegenheit erwartet Wirges ein noch stärkeres Engagement des Landes im Bundesrat.
Grundsätzlich ist Wirges überzeugt, dass der gesamte Bereich Energie für das Handwerk ein Zukunftsmarkt bleiben wird. Um dessen Herausforderungen noch besser annehmen zu können, sei die neue Fortbildung zum/zur „Servicetechniker/in Enertronic“ geplant, in der Kompetenzen aus den Elektro-, Sanitär-, Heizung- und Klimaberufen gebündelt werden sollen. Als Schnittstelle zwischen den Gewerken seien alle Handlungsfelder der modernen Gebäudesystemtechnik Schwerpunkt der Qualifizierung. Aktuell sei man zur geplanten Umsetzung dieser Maßnahme im Gespräch mit der Landesregierung.
Aus- und Weiterbildung, für den Kammerpräsidenten und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz, ohnehin ein Dauerthema. Trotz weiter positiver Zahlen bei den neuen Ausbildungsverhältnissen (landesweit +4,7 Prozent Ende August) ändere sich nichts an dem zu erwartenden Fachkräftemangel, der sich aufgrund der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren deutlich verstärken werde. Auch in diesem Jahr, so seine Befürchtung, „werden viele Ausbildungsplätze nicht mit geeigneten Bewerben besetzt werden können.“
Mit ein Grund hierfür sieht Wirges in der zunehmenden Tendenz, Eltern und Schülern das „Abitur für alle“ zu versprechen, was sich unter anderem in dem bereits vollzogenen oder geplanten deutlichen Ausbau vollschulischer Angebote mit dem Ziel „Hochschulreife“ dokumentiere. Das führe dazu, dass das Fundament der weltweit anerkannten Dualen Ausbildung anfange, zu zerbröseln. Dabei sei es doch gerade das flexible Duale Ausbildungssystem, „das in den letzten Jahren ganz entscheidend dazu beigetragen hat, jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu geben.“ Insbesondere das Handwerk unterbreite für alle Begabungen, von leistungsschwach bis leistungsstark, maßgeschneiderte Angebote. Wirges: „Aber das ist keine soziale Wohltat. Es geht hier nicht allein um die Versorgung von Jugendlichen mit Lehrstellen. Entscheidend ist, dass die jungen Männer und Frauen, die immer anspruchsvollere berufliche Anforderungen erfüllen müssen, erfolgreich den Ausbildungsabschluss schaffen. Nur dann können sie auch wirklich dauerhaft beruflich integriert werden. Das müssen wir gemeinsam mit der Politik hinbekommen.“ Wirges erwartet deshalb von der Landesregierung die Unterstützung zur Stärkung der Dualen Ausbildung und ihrer Karriereoptionen.
In diesem Zusammenhang begrüßt er die Novellierung des rheinland-pfälzischen Hochschulgesetzes als Schritt in die richtige Richtung, um die Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung weiter zu stützen. Wirges: „Duale Ausbildung eröffnet einen hochwertigen Berufsabschluss, günstige Beschäftigungsperspektiven, Karrierechancen über Meisterprüfung und Selbstständigkeit und eben auch einen direkten Hochschulzugang für Meisterinnen und Meister oder ähnlich Qualifizierte zu einem Studienfach ihrer Wahl und nicht mehr nur, wie bisher, zu einem berufsverwandten Studiengang.“
Von den Schulen erwartet der Handwerkskammerpräsident, dass sie sich stärker als bisher als „umfassender Dienstleister für die ihnen anvertrauten jungen Menschen“ verstehen. Dazu müsse das Land in eine kompetente Aus- und Fortbildung der Lehrer gerade im Bereich der Berufswahlbegleitung investieren und die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stellen. Entlastungsstunden für die verantwortlichen Berufswahlkoordinatoren etwa könnten ein deutliches Signal dafür sei, wie wichtig gerade diese Aufgabe politisch gesehen wird, so Wirges.
Auch die Duale Berufsausbildung selbst müsse qualitativ weiterentwickelt werden. Dazu zähle, dass in den Berufsbildenden Schulen genügend qualifizierte Fachlehrer für einen differenzierten Unterricht zur Verfügung stünden. Gebraucht würden gezielte Förderangebote, damit möglichst alle Auszubildenden ihren Abschluss schaffen. Parallel dazu müssten für leistungsstarke Jugendliche Möglichkeiten der Zusatzqualifikation angeboten werden.
Der Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz lebe von qualifizierten Fach- und Führungskräften. Damit dies in Zukunft so bleibe, brauche es auch weiterhin die gemeinsame Anstrengung von Handwerk und Politik.